Buntes Knisterpapier

Schon wieder. Trampel. Ständig kommen sie her. Sie staunen, lachen, laufen umher und klettern auf meinen Felsen. Dann setzen sie sich hin, holen ihr Futter aus den Rückentaschen und quatschen.
Ich beobachte sie alle. Genervt und verärgert, von meinem Baum aus.
Ich will, dass sie gehen, aber was kann ich schon tun?

Schon wieder. Dieses Mal ist es ein ganzes Rudel. Sieben von ihnen. Ich wage mich vom Stamm auf einen der Äste über dem Felsen, um sie besser beobachten zu können.
Warum ich das mache? Seht euch das doch an: Hüllen ihres Essens, bunte Knisterpapiere. Einfach liegen gelassen. Schon einmal musste ich mit ansehen, wie ein Freund dadurch sein Leben verlor. Nicht noch einmal! Alle Muskeln angespannt verharre ich auf dem Ende des Astes. Unter mir nur Gestein.
„Ist das nicht ein schöner Ausblick?“ Die Laute, die er ausstößt ergeben nicht einmal einen Sinn. Er steigt auf die Spitze des Felsens. 
Ich mache mich zum Sprung bereit. Gleich ist er unter mir.
Ich springe.
Mit den Krallen halte ich mich auf seiner Schulter. Er stößt einen Schrei aus, hüpft umher und versucht, nach mir zu greifen. Aber ich bin schneller. Kreisförmig laufe ich an dem riesigen Körper nach unten. Auf dem Felsen angekommen, stellte ich mich vor die Gruppe und fauche.
Sie lachen.
„Ein Eichhörnchen!“
„Wie süß!“
Einer der kleineren Trampel rennt auf mich zu. Ich muss mich in eine Spalte zwischen zwei Steinen retten.
„Lässt du dich jetzt schon von Eichhörnchen ärgern?“ Ein Trampelweibchen boxt meinen Gegner. Er lacht.
Die Trampel sind zu unberechenbar, ihr Verhalten habe ich auch nach langem Beobachten noch nicht verstanden. Sie haben mich scheinbar vergessen, denn sie nehmen ihre Rückentaschen und öffnen sie. Heraus holen sie diese bunten Papiere, reißen sie  auf und beißen in den Inhalt. Einmal habe ich einen Rest von so etwas probiert. Widerlich.
„Wir müssen noch ein Selfie machen!“
Das Weibchen und mein Gegner entfernen sich von der Gruppe, steigen auf die Spitze des Felsens und halten einen Kasten vor ihre Nase.
Ich schleiche näher heran, vielleicht ergibt sich ja eine Gelegenheit.
Sie umarmen sich, machen komische Gesichter. Ob das ein Balzritual ist?
Die beiden machen sich zurück auf den Weg zum Rest des Rudels, ich folge ihnen unter meinem geliebten Haselnussstrauch entlang.
Nach einer Ewigkeit, die ich sie beobachte und auf eine Gelegenheit warte, packen sie ihre Rückentaschen. Und gehen. Wie immer.

Schon wieder. Sie haben ihren Müll dagelassen. Reste von glühenden Stangen. Zerknüllte Tücher. Bunte Knisterpapiere. Ich setzte auf an die Spitze meines Felsens. Von hier oben ist die Aussicht wundervoll, im Abendlicht ist das Tal in ein freundliches rot-orange getaucht.
Diesen Anblick genieße ich jeden Abend. Mein Zuhause. Solange ich nach vorne sehe, ist alles perfekt. Erst wenn ich mich umdrehe, um zu meinem Schlafplatz im Baum zu gelangen, trübt sich meine Laune.
Flink laufe ich über den Felsen, nehme die größten Trampelrückbleibsel und bringe sie auf meinen Vergrabeplatz in der Nähe im Wald. Danach, wenn die Sonne den Himmel schon verlassen hat, kehre ich auf den Ast zurück und betrachte den Felsen. Die anderen Tiere verstecken sich vor den Trampeln. Sie halten mich für verrückt. Aber ich bin nicht bereit, wegen ihnen meine Heimat zu verlassen. Ich will, dass sie wegbleiben oder wenigstens keinen Schaden anrichten. Aber was kann ich schon tun?

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